Der erste Kontakt gestaltete sich sehr interessant und spannend zugleich.
Es ist nämlich nicht so, dass man einfach in das Kinderheim geht,
dem Kind die Hand schüttelt und sagt:“ Hallo, wir wollen uns mal ganz zwanglos mit dir unterhalten,
denn vielleicht nehmen wir dich bei uns auf.“
Man kann auch nicht „inkognito“ dort im Heim auftauchen, um das Kind vielleicht ganz unauffällig
zu beobachten. Nein, so funktioniert das nicht. (Also zumindest nicht in unserer Stadt.)
Die Kinder und Jugendlichen dort wissen nämlich ganz genau was es zu bedeuten hat,
wenn auf einmal fremder „Besuch“ auftaucht.
Das erste „Beschnuppern“ von unserer Seite aus, musste also sehr gut geplant werden und
durfte unserer (vielleicht) zukünftigen Pflegetochter gar nicht auffallen.
Was wäre denn, wenn wir plötzlich merken, dass die Chemie gar nicht stimmt?
Nicht jedes Kind ist einem automatisch sympathisch. Für das Kind wäre das eine weitere Katastrophe.
Wenn es wüsste, dass da potentielle Pflegeeltern kommen um es zu sehen,
und dann melden die sich nach dem Treffen auf einmal nie wieder?
Das Kind würde sich erneut abgelehnt oder vielleicht sogar ungeliebt fühlen.
Um das zu vermeiden griff das Jugendamt gemeinsam mit den Heimerziehern in die Trickkiste…
Es war 14:25 Uhr. Natürlich waren mein Mann und ich viel zu früh am vereinbarten Treffpunkt.
Doch wir hielten es zu Hause einfach nicht länger aus.
Bereits der Morgen zog sich für uns so zäh wie Kaugummi.
Ich schaute wieder auf die Uhr. Nur zwei Minuten waren vergangen. 14:27 Uhr.
„Ob wir die Beiden wohl erkennen würden?“, fragte ich meinen Mann. „Nicht dass wir sie übersehen und dann verpassen.“
„Wie soll man einen Mann mit grüner Hose und einem lila Schal übersehen?“, antwortete er.
Erneut schaute ich seufzend auf die Uhr. 14:28 Uhr.
Grüne Hose und lila Schal.
Das waren die „Erkennungszeichen“ des Heimerziehers, auf den wir ungeduldig warteten.
Wir saßen am äußersten Tisch einer gut besuchten Eisdiele, inmitten eines kleineren Einkaufszentrums. Hier waren wir auch mit der Dame vom Pflegekinderdienst verabredet.
Undercover, könnte man sagen, denn unser Treffpunkt war mit Bedacht ausgewählt.
Genau um 15:00 Uhr würde an unserem Tisch ein Mann mit besagter Bekleidung vorbeischlendern. Gemeinsam mit einem Mädchen. „Unserem Mädchen“.
Wir sollten auf diese unauffällige Weise ein Gespür dafür bekommen,
ob die „Chemie“ zwischen ihr und uns stimmen könnte.
Die Zeit verstrich weiter, von der Sozialarbeiterin war immer noch nichts zu sehen.
Wir hatten inzwischen Kaffee bestellt und schauten suchend zwischen den Passanten umher.
Und plötzlich stand die Zeit still.
Da war er! Kein Zweifel ! Der Mann mit dem grässlichsten Kleidungsgeschmack aller Zeiten.
„Sind sie das? Na klar! Aber sie sind zu früh! Wo ist die JA Mitarbeiterin?“, schoss es aus mir heraus.
Doch alle Gedanken wurden schlagartig nebensächlich, als ich auch SIE erblickte.
Das kleine, zappelige Mädchen.
Wie zuvor besprochen, näherte sich der unmodische Mann
gemeinsam mit IHR in Richtung unseres Tisches.
Langsam schlenderten beide an uns vorbei und wir versuchten so unauffällig wie möglich
das ganze Wesen dieses noch fremden Mädchens zu erfassen.
Kaum an uns vorbei, legten sie einen kurzen Stopp ein und betrachteten die Auslage
eines Geschäftes in unserer unmittelbaren Nähe.
Sie trug einen Jeansrock mit einer gekringelten Strumpfhose und hampelte etwas herum.
Immer wieder schaute sie verstohlen zum Verkaufstresen der Eisdiele.
Bis sich plötzlich, für einen unglaublich kurzen Moment, unsere Blicke trafen.
Kleine grau- blaue Augen mit einem leichten „Silberblick“.
Eine freche Stupsnase.
Eine Zahnlücke zwischen den Schneidezähnen.
Weiche, runde Gesichtszüge.
Bunte Haarspangen.
Das war es, was ich mit meinen Augen erkennen konnte, bevor ich nervös meinen Blick senkte.
Und schon war der Augenblick, kurz wie ein Wimpernschlag, vorbei.
Sie griff zielstrebig nach der Hand des Grünhosenträgers und zog ihn Richtung Tresen und
gab selbstbewusst ihre Eisbestellung auf.
Danach gingen sie weiter und verschwanden wieder zwischen den Passanten...
Fortsetzung folgt...