Es ist nicht immer so, wie manche Medien es gerne vermitteln,
um eine quotenträchtige Schlagzeile für den Tag zu haben.
Das Jugendamt „pflückt“ Kinder nicht einfach wie Blumen aus Familien
um sich in Kinderheimen einen bunten Strauß zusammen zu stellen.
Ich kann zwar nur von den Fällen berichten, in die ich selbst involviert war,
aber es war jedes Mal ein langer, intensiver Weg, bis tatsächlich fest stand,
dass das Kind nicht mehr in der Familie verbleiben kann.
Zuvor wurden immer sämtliche, den Behörden mögliche,
Hilfsangebote in die Wege geleitet um den Eltern zu helfen,
besser für ihr Kind sorgen zu können.
(Vielleicht gibt es da Ausnahmen oder Fälle, wo Sachverhalte nicht ausreichend geklärt waren,
doch ich berichte hier ausschließlich von meinen persönlichen Erfahrungen
und möchte niemanden zu nahe treten.)
Damals, ich hatte grade ein Gespräch mit einer Bereitschaftspflegemutter,
spürte ich in mir wieder diese Unzufriedenheit,
wie sie mir schon damals begegnete, als ich noch im Kindergarten arbeitete.
Das war auch der Moment, in dem der Wunsch von damals,
ein Pflegekind aufzunehmen, wieder intensiver in meine Gedanken schlich.
Er wuchs immer weiter in mir heran. Ich fühlte mich hin und her gerissen.
Also tat ich das, was mein Vater mir mal riet.
Er sagte: „Line, steig auf eine Leiter“. Was er damit meinte war,
dass ich die Perspektive wechseln sollte.
Die Geschehnisse von einem anderen Blickwinkel aus betrachten…
Also betrachtete ich die Situationen der Eltern, welche ich damals betreute,
als würden sie auf einem Weg entlanggehen…
Zunächst war ihr Weg, den sie ja gemeinsam mit ihren Kindern beschritten,
sehr steinig und verschlungen. Er bot niemanden Sicherheit,
ständig gerieten sie ins Stolpern, blieben in großen Schlaglöchern hängen,
kamen nicht weiter.
Dann kamen die Helfer dazu.
Sozialarbeiter, Ärzte, Therapeuten, Familienhilfen, Erzieherinnen usw.
Sie alle kamen nach und nach hinzu und unterstützen die Familie.
Man ging ein Stück gemeinsam, ebnete den Weg.
Oder man stand am Rand und ermutigte sie selbständig ihren Weg zu gehen,
Stolpersteine aus eigener Kraft zu überwinden.
Manchmal ging es gut und ihr (Lebens)Weg wurde grader und sicherer,
manchmal aber konnten die Wegbegleiter nichts ausrichten
und der Weg begann sich zu teilen.
Die Eltern blieben auf ihrem unsicheren, steigen Untergrund,
die Kinder wurden hingegen auf einen sichereren Pfad geführt.
Ja, so stellte ich es mir damals vor…so albern sich das jetzt auch lesen mag.
Doch eines wurde mir bei der Betrachtung bewusst.
Ich war einer dieser Wegbegleiter. Doch blickte ich noch genauer hin,
empfand ich mich viel mehr als eine Randfigur für die Kinder.
Ich war die Line,die sie für eine gewisse Zeit begleite,
doch je weiter sie ihren Weg gingen, desto mehr verschwand ich hinter ihnen.
Immer noch stehend am Wegesrand.
Ich befand mich immer kurz vor dem Scheideweg der Kinder.
Lief alles gut, konnte ich ihnen gemeinsam mit ihren Eltern zufrieden hinterher winken.
Lief es jedoch so, dass sich die Wege trennten,
blickte ich den Kindern mit gemischten Gefühlen hinterher.
Wie lange würden sie wohl bei der Bereitschaftspflegefamilie bleiben müssen,
bis sie endlich ihr neues zu Hause bei einer Dauerpflegefamilie finden?
(Es gibt nämlich leider viel zu wenig Pflegeeltern.)
Wird alles gut gehen?
Werden sie wieder Vertrauen fassen können und sich geliebt und sicher fühlen?
So stieg ich wieder hinab von der besagten Leiter und wusste,
dass ich nicht nur eine Erzieherin am Wegesrand der Kinder bleiben wollte.
Ich wollte die Line sein, die sich auch auf „den Weg“ macht.
Nicht mehr „nur“ hinterher winken, sondern den Weg gemeinsam mit einem Kind beschreiten, dass seinen neuen Platz im Leben noch finden muss.
Ich beschloss meinen Gedanken von damals in die Tat umzusetzen…
und so schloss sich der Kreis.
...vom Pflegetochterkind für ihre Mama...
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